Fortbildungsveranstaltungen für die Buchführungs-Testbetriebe

Wie in den vergangenen Jahren wurden auch dieses Jahr für Inhaber land- und weinbaulicher Betriebe des rheinland-pfälzischen Buchführungs-Testbetriebsnetzes Schulungstagungen durchgeführt.

Die  vom Bund  bezuschussten Veranstaltungen für die Betriebsleiter der Testbetriebe fanden dieses Jahr am 29. Januar in  Kaiserslautern–Hohenecken und am 16. Februar in Koblenz statt.

Die Veranstaltung In Hohenecken eröffnete und leitete der Präsident der Landwirtschaftskammer Rheinland-Pfalz, Ökonomierat Norbert Schindler. Die Veranstaltung in Koblenz wurde vom Vizepräsidenten, Ökonomierat Heribert Metternich, geleitet. Beide bedankten sich ausdrücklich bei den Betriebsleitern für deren Teilnahme am Testbetriebsnetz des Bundes und der Länder. Die daraus ermittelten Daten und Kennwerte seien bundesweit das wichtigste Datenmaterial für Analysen und Aussagen zur Wirtschaftlichkeit der Landwirtschaft. Politik, Wirtschaft, Justiz, Sachverständige, landwirtschaftliche Schulen, die staatliche Beratung und auch die Landwirtschaftskammern verwendeten diese Daten in den  verschiedensten Bereichen.

Auf beiden Veranstaltungen stellte zunächst  Günter Müller (LWK Rheinland-Pfalz) die Buchführungsergebnisse identischer Haupterwerbsbetriebe der Landwirtschaft und des Weinbaus des Wirtschaftsjahres 2016/2017 vor. Das dritte Jahr in Folge erreichten Betriebe des Acker- und Futterbaus und Verbundbetriebe nicht das langjährige Mittel. Der Ackerbau verzeichnete ein weiteres Minus, Futterbau und die Gruppe der Verbundbetriebe eine leichte Steigerung der Unternehmensergebnisse gegenüber dem Vorjahr. Von einem Unternehmergewinn oder einer Nettorentabilität von 100% waren diese Betriebe erneut „meilenweit entfernt“. Schweinehaltende Betriebe erzielten dagegen – dringend benötigt – ein „Spitzenergebnis“. Die Eigenkapitalbildung war in allen Gruppen positiv.  Weinbaubetriebe konnten im WJ 2016/2017 ihr Ergebnis – auf hohem Niveau – wieder steigern. 

Die Ergebnisse der Vorausschätzungen für das Wirtschaftsjahr 2017/18 zeigen leider keine allgemeine Tendenz zum Besseren. „Die Liquidität der Betriebe wird auf eine sehr harte Probe gestellt und der Strukturwandel in der Landwirtschaft wird weiter beschleunigt werden“, analysierte Günter Müller die zu erwartenden Ergebnisse des laufenden Wirtschaftsjahres. Im Ackerbau und den Verbundbetrieben wird eine Stabilisierung der Ergebnisse auf niedrigem Niveau erwartet. Viehhaltende Betriebe schneiden besser ab. Milchviehhalter können nach derzeitigem Stand ein deutliches Plus erwarten. Schweinehalter „fallen“ zwar, aber bleiben über dem langjährigen Schnitt. Auch im Weinbau muss aller Voraussicht nach mit einem Rückgang der Unternehmensergebnisse gerechnet werden. Wieder gestiegene Kosten sind neben geringeren Erträgen hierfür verantwortlich.

Als weitere Referenten berichteten auf den Veranstaltungen Rudi Werner vom Bauern- und Winzerverband Rheinland-Pfalz Süd (in Hohenecken) und Walter Sesterhenn vom Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau (in Koblenz) über Aktuelles, Wissenswertes und Neuerungen aus dem Bereich des Steuerrechts.

Hauptredner auf allen Fortbildungstagungen  war Prof. Dr. Thore Toews, TH Bingen. Sein sehr interessanter Vortrag lautete:  " Anpassungsdruck für landwirtschaftliche Betriebe. Wachstum, Spezialisierung, Diversifizierung oder Biolandbau? Welche Strategie passt zu meinem Betrieb?". In seinen Ausführungen  ging er auf die zukünftigen Anforderungen an und auf die Herausforderungen für landwirtschaftliche Betriebe ein bzw. für deren Betriebsleiter.

Seine Präsentation kann auf der Internetseite der LWK unter „Testbuchführung“ eingesehen werden. Im Folgenden Prof. Toews´ Kurzzusammenfassung:

„Von allen Seiten spürt die Landwirtschaft wachsenden Anpassungsdruck. Martin Riechenhagen (Präsident Agco) schreibt im November 2017 im DLG Newsletter hierzu: „Die gerade gescheiterten Sondierungsgespräche zur Regierungsbildung auf Bundesebene haben wieder einmal durchblicken lassen, dass es der Politik besonders leicht fällt, moderne Landwirtschaft als Problem darzustellen, als Ärgernis und Feindbild, das man mit spätromantischer Biorhetorik und rückwärtsgewandten Verordnungen und Verboten bekämpfen und mit dem man Unternehmer diskreditieren will. Das mag dem Hipster, der Möhren auf der Dachterrasse im Prenzlauer Berg züchtet, gefallen. Dem Hunger in der Welt hilft es nicht.“ Beruhigend ist an dieser Aussage, dass ein Teil des gegenwärtigen Konfliktes zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft den Besserwissern und Ahnungslosen in die Schuhe geschoben wird. 

Aber die Beruhigung währt nicht lange, denn der Anpassungsdruck ist tatsächlich riesig. Die Landwirtschaft sollte daran arbeiten wieder so viel Rückhalt in der Gesellschaft zu gewinnen, dass sie nicht mehr austauschbar ist. Sie sollte passende Angebote für die sich ändernden Bedürfnisse der Kundschaft entwickeln, die sich vom Wettbewerb – beispielsweise von Produkten aus den USA, die im Tierschutz weit hinter uns stehen – unterscheiden. Leider handelt es sich hierbei aber nicht unbedingt um das, worauf sich die Landwirtschaft in den letzten Jahrzenten konzentriert hat. Die ausgeprägte Arbeitsteilung in modernen Wertschöpfungsketten der Agrar- und Ernährungswirtschaft und die Marktmacht, die von den Verarbeitungsunternehmen zu übermächtigen Lebensmitteleinzelhändlern wächst, haben die Distanz zu den Kunden vergrößert. Wenn wir die Agrar- und Ernährungswirtschaft zum Positiven weiterentwickeln wollen, dann brauchen wir einen breiten Schulterschluss innerhalb der Wertschöpfungskette und zwischen den Interessenvertretungen, um ein differenziertes und wettbewerbsfähiges Angebot anbieten zu können.

Woher kommt der Anpassungsdruck?

Ein besonders wichtiger und schneller Treiber für den Anpassungsdruck in der Landwirtschaft sind unterschiedliche Formen des technischen Fortschritts. Sobald verbesserte Techniken (z. B. Futtermischwagen), leistungsfähigere Genetik (z. B. Milchleistung pro Kuh), eine kostengünstigere Organisation (z. B. Arbeitserledigung durch Dienstleister) oder die Digitalisierung (z. B. Brunsterkennung durch Bewegungssensoren) zur Verfügung stehen, verbreiten sie sich. Sie lassen sich nicht aufhalten. Die Folgen sind Strukturwandel und das Freisetzen von Arbeit.  

Auf der anderen Seite sind Unternehmen darauf angewiesen, dass die Gesellschaft einerseits ihre Produkte und Dienstleistungen kauft und dass sie andererseits die notwendige Akzeptanz für ihre Produktion bekommen. Gerade im Letzteren, der gesellschaftlichen Akzeptanz, klaffen gegenwärtig die Erwartungen weit auseinander. In der Diskussion hierüber fehlt es bestimmt nicht an Genörgel und lautem Geschrei über objektive und subjektive Missstände. Mangeln tut es an einem konstruktiven, fachlich fundierten und lösungsorientierten Dialog zwischen den Beteiligten aus den Bereichen: Landwirtschaft, Natur- und Tierschutz, Lebensmittelverarbeitung, Lebensmitteleinzelhandel und Politik, mit dem Ziel am Ende Lebensmittel im Regal anzubieten, die die höheren Erwartungen in die Prozess- und Produktqualität im Preis widerspiegeln und die auch gekauft werden. Und zwar deshalb, weil der neue Gesellschaftsvertrag gar keine Alternativen mehr zulässt. Im Lebensmitteleinzelhandel würden dann nur noch die Produkte angeboten, die mindestens nach diesem neuen Standard erzeugt wurden. Dies zu erreichen ist ein weiter und schwieriger Weg. Die deutsche Agrarpolitik sollte diesen Weg soweit sie kann unterstützen, indem sie möglichst alle Freiheiten der EU-Agrarpolitik nach 2020 nutzt und die Mittel der ersten Säule zugunsten von zielgerichteten Maßnahmen umschichtet. Denn die erste Säule löst die gegenwärtigen und zukünftigen Probleme in keiner Weise. Die Nachteile dieser „Gießkannenförderung“ sind offensichtlich: (I) Die Landwirtschaft degradiert zum Subventionsempfänger. (II) Begehrlichkeiten werden geweckt. Z. B. fordert der NaBu, dass die Landwirte als Gegenleistung für die Subventionen mehr Naturschutz leisten müssen. (III) Durch einen hohen Durchreichungseffekt (steigende Pachten) bleibt das Geld nicht bei den Landwirten, sondern landet bei Landeigentümern. (IV) Kostennachteile durch höhere Produktionsstandards (Mindestlohn, DüV, Verbot von PSM etc.) werden durch die Subventionen nicht ausgeglichen, weil alle Landwirte sie bekommen. Auch diejenigen, die gar keine Nachteile haben, beispielsweise, weil sie ihre Flächen nur pflegen (mulchen). Um die notwendigen zukünftigen Anpassungen zu unterstützen wären beispielsweise Subventionen für den Bau von Güllelagern, Futtersilos, tiergerechten Ställen oder die Entschädigung für die Nichtbewirtschaftung von Randstreifen zu Gewässern sinnvoll.

Wirtschaftliche Ausgangsbedingungen

Die wirtschaftlichen Ausgangsbedingungen sind alles andere als beruhigend. Ackerbaubetriebe haben immerhin in den letzten fünf Wirtschaftsjahren in Deutschland (20 t €) und RLP (2 t €) ein positives Vollkostenergebnis erwirtschaftet. Dies haben Milchviehbetriebe im selben Zeitraum nicht geschafft. Der Mittelwert des Unternehmergewinns lag hier bei -7 t € in Deutschland bzw. -8 t € in Rheinland-Pfalz. Und der Anteil der Subventionen am Gewinn ist in allen betrachteten Betrieben extrem hoch. Er lag zwischen 61 und 64%. Wer soll in einer solchen Situation den Mut aufbringen und freiwillig die Flächenprämien in Frage stellen. Die Alternative, es nicht zu tun und auf ein weiter so zu hoffen ist dagegen aber auch nicht beruhigend. 

Einzelbetrieblich gesehen bietet der ökologische Landbau gegenwärtig eindeutig Potenzial. Deutsche Bioware ist in allen Produktgruppen gesucht. Aber um eine ökologisch verträglichere, tiergerechtere und gesellschaftlich akzeptierte Ernährungswirtschaft in Deutschland zurückzuerlangen, wäre es im Moment wahrscheinlich viel wichtiger die konventionelle Landwirtschaft weiterzuentwickeln. Denn obwohl die ökologische Agrarwirtschaft dynamisch wächst, stellt sie „ernährungstechnisch“ immer noch eine kleine Nische dar. Die Verkaufserlöse der ökologischen Landwirtschaft betrugen in 2015 lediglich 4,2% der gesamten Erlöse der deutschen Landwirtschaft. Geht man grob vom doppelten Erzeugerpreis aus, dann betrug der Beitrag der ökologischen Agrarwirtschaft zur Ernährung also lediglich 2,1%. Angesichts dessen, dass Deutschland nicht in der Lage ist sich selbst zu ernähren, sondern Nettoimporteur von Agrarrohstoffe ist, die auf ca. 5 Millionen Hektar außerhalb Deutschlands angebaut werden (Destatis, 2010, Flächenbelegung von Ernährungsgütern), können diese Zahlen nicht beruhigen und zeigen den Handlungsbedarf auf.

Schlussfolgerung

Auch wenn die ökologische Agrarwirtschaft für einige Betriebe die richtige Entwicklungsstrategie darstellt – immerhin strebt auch das BMEL in seinem Nachhaltigkeitsbericht einen Bioanteil in der Flächen von 20% an – wird ein Großteil der landwirtschaftlichen Betriebe und ein noch größerer Anteil der Ernährung in Deutschland auch zukünftig auf konventioneller Rohstoffbasis stattfinden. Damit dies gelingt und nicht wie bei den Käfigeiern ein Produktionsverbot in Deutschland aber kein Importverbot eingeführt wird, ist eine breite Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten erforderlich. Dabei müssen alle kompromissbereit sein und die Lasten müssen auf alle verteilt werden. Nicht Pyrrhussiege, sondern nachhaltig tragfähige Konzepte sind gefragt. Den Strukturwandel wird all dies allerdings nicht aufhalten. Dafür sind und bleiben die technischen Fortschritte zu groß. Die Betriebe werden größer und professioneller werden. Aber die Produktion wird sich wandeln. Sie muss ökologisch verträglicher werden und mehr Tierschutz bieten. Und diese Veränderungen müssen beim Verbraucher beworben werden.“Den Ausführungen von Professor Toews folgte eine lebhafte Diskussion. An deren Ende fragten sich viele der Teilnehmer nicht, ob Professor Toews Recht habe, sondern eher, wie seine Thesen „in die Tat umgesetzt werden könnten“.

Günter Müller (LWK Rheinland-Pfalz, Bad Kreuznach)

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