Eine Chance für die Braugerste

Braugerste ist vor Silomais und Zuckerrüben derzeit noch die flächenmäßig stärkste Sommerung in Rheinland-Pfalz.

Dennoch bleibt festzuhalten, dass ihre Anbaufläche seit Jahren zu Gunsten von Winterweizen, Raps und Silomais kontinuierlich abnimmt. Darüber kann auch die der Auswinterung geschuldete Erholung in 2012 nicht hinwegtäuschen. Die Ursachen für diese Entwicklung sind vielfältig.

Da ist zum einen der Rückgang der Nebenerwerbsbetriebe von knapp 22.000 (1999) auf gut 10.000 (2011). Wegen des moderaten Faktoreinsatzes bei Düngung und Pflanzenschutz sowie der relativ einfachen Bestandesführung hatte die Braugerste in dieser Betriebsgruppe über Jahrzehnte die Anbauplanung bestimmt. In den Haupterwerbsbetrieben, die einen ausgeprägten Strukturwandel durchlaufen, stehen die positiven Fruchtfolgeeffekte und die Entzerrung der Arbeitsspitzen bei Saat und Ernte durch den Braugerstenanbau in einem direkten Zielkonflikt mit den witterungsbedingten Ertrags- und Qualitätsschwankungen und den daraus resultierenden Vermarktungsrisiken, vor allem im Vergleich zu Weizen und Futtergerste.

Tabelle 1 
Entwicklung der Erträge dt/ha  -
-
  2000/05 2009 2010 2011
Sommergerste RLP  47,8 53,8 53,8 41,9
Rheinland-Nassau  46,5 50,7 48,6 43,6
Rheinhessen  52,9 57,9 59,8 40,1
Pfalz  45,3 49,8 50,1 36,7
Winterweizen RLP  67,9 74,9 69,8 60,7
Rheinland-Nassau  65,7 70,3 65,7 62,6
Rheinhessen  69,6 74,4 76,2 61,3
Pfalz  64,6 73,5 68,9 57,9
Ertragsdifferenz zu Weizen RLP  16,8 19,7 15,1 18,8
Rheinland-Nassau  19,2 19,6 17,1 19,0
Rheinhessen  16,7 16,5 16,4 21,2
Pfalz  19,6 23,7 18,8 21,2
Tabelle 2: Entwicklung der Qualitäten 
  2008 2009 2010 2011 2012
Feuchte RLP  13,7 13,4 12,9 14,3 13,3
Rheinland-Nassau  14,3 13,5 13,2 14,6 13,8
Rheinhessen  13,0 13,3 12,5 14,2 12,6
Pfalz  13,4 13,3 12,8 14,4 12,9
Eiweiß RLP  11,7 10,4 10,8 12,6 10,6
Rheinland-Nassau  11,9 10,6 11,7 12,8 10,7
Rheinhessen  11,3 10,4 9,9 12,6 10,0
Pfalz  11,7 10,2 9,8 11,9 10,8
Vollgerste RLP 95,0 93,2 90,6 96,6 92,1
Rheinland-Nassau  94,3 89,9 87,5 94,2 90,7
Rheinhessen  97,4 96,4 92,8 90,6 96,6
Pfalz  93,5 96,0 93,1 97,4 94,6

Dass diese Risiken regional differenziert ausgeprägt sind, zeigen die Tabellen 1 und 2, nach denen die Ertragsdifferenzen von Braugerste zu Weizen in den Höhengebieten höher sind als etwa in Rheinhessen. Abgesichert wird diese Tendenz auch durch eine grobe Schichtung der Ertragsdaten nach den Standortparametern Ertragsmesszahlen, Jahresniederschlägen und Niederschlagsverteilung. Hier zeigt sich, dass trotz hoher Ertragsmesszahlen die geringen Niederschläge und ihre Verteilung in der Vegetationszeit die Ertragsdifferenz von Braugerste zu Weizen in den meisten Jahren zu Gunsten der Braugerste reduzieren.

In den Höhenlagen ist nach der Tabelle 2 auch das aus dem Feuchtegehalt, dem Eiweißgehalt und der Vollgerste resultierende Marktwarenrisiko höher wie in den günstigen Lagen.

Tabelle 3
Flächenentwicklung 
  1990 1999 2010 2011 2012
Sommergerste RLP  98.231 85.193 41.063 44.500 50.200
Rheinland-Nassau  55.973 50.451 20.118 23.000 25.000
Rheinhessen  15.319 18.270 15.045 14.000 19.000
Pfalz  26.939 16.472 5.900 7.500 6.100
Weizen RLP  88.765 82.402 119.917 116.600 102.200
Rheinland-Nassau  47.870 42.550 64.990 - -
Rheinhessen  14.680 16.800 21.100 - -
Pfalz  26.215 23.112 33.827 - -

Demnach hat, wie die Tabelle 3 ausweist, auch eine Verlagerung des Braugerstenanbaus von den Höhenlagen in die günstigeren Frühdruschgebiete stattgefunden. So standen 1999 noch knapp 60 Prozent der Braugersten im Bezirk Rheinland-Nassau und nur gut 20 Prozent in Rheinhessen. Im Jahr 2010 zeigte sich mit knapp 50 Prozent der Anbauflächen in Rheinland-Nassau und knapp 37 Prozent in Rheinhessen ein deutlich anderes Bild. Stark reduziert wurde der Anbau von Braugerste von 19 Prozent in 1999 auf 14 Prozent der Gesamtanbauflächen auch in der Pfalz.

Nach einer sicher etwas vagen Hochrechnung der Anbauverhältnisse auf der Basis der regionalen Verteilung der in der besonderen Ernteermittlung untersuchten Braugerstenproben hat sich der Trend in den Anbauregionen wohl fortgesetzt. Angesichts dieser Entwicklung erscheint eine gerechtere Verteilung der Anbau- und vor allem der Vermarktungsrisiken, die derzeit primär bei den Landwirten liegen, auf die gesamte Wertschöpfungskette zwingend geboten. Die Diskussionsrunde zwischen Anbauern, Vermarktern und Verarbeitern von Braugerste am Braugerstentag der Fördergemeinschaft Braugerste Rheinland-Pfalz im November 2012 und die Gespräche anlässlich der Beiratssitzung der Braugerstengemeinschaft München im November 2012 in Stuttgart haben gezeigt, dass diese Erkenntnis in der gesamten Kette zunehmend reift. Einig ist man sich dabei allerdings, dass zur Erhaltung der nationalen und internationalen Marktanteile von Qualitätsbraugerste aus Deutschland die Qualitätskriterien grundsätzlich nicht verändert werden dürfen.

Kompromissbereitschaft ist dagegen bei der Umsetzung dieser Kriterien in witterungsbedingt schwierigen Jahren zu erkennen. Durch Gespräche zwischen allen Beteiligten in den Landesbraugerstenverbänden, angedachte mehrjährige Stufenkontrakte und schon praktiziert Regionalkonzepte ist insgesamt der Dialog in Gang gesetzt. Mit der Vergabe eines Auftrages zur Ausarbeitung von Vertrags- und Marketingkonzepten zum Aufbau und Erhalt von Wertschöpfungsketten bei Braugerste im Rahmen einer Bachelor- bzw. Masterarbeit am Lehrstuhl Wirtschaftslehre des Landbaus der TU München sind weitere konkrete Schritte eingeleitet. In diesen Prozess eingepasst ist auch die Entscheidung des Vorstandes der Fördergemeinschaft Braugerste Rheinland-Pfalz e.V. zukünftig Einzelunternehmen des Erfassungshandels, Braugerstenanbauern, Erzeugergemeinschaften und der Vereinigung der Erzeugergemeinschaften die Mitgliedschaft anzubieten. Die Einzelunternehmen der Genossenschaften und die Vereinigung der Erzeugergemeinschaften Qualitätsgetreide Rhein-Mosel-Höhen haben auf diese Offerte positiv reagiert. Die Unternehmen des Landhandels sind da eher noch etwas zurückhaltend.

Konstruktiv geführt wird auch die Diskussion um die notwendige und von den Anbauern geforderte "Braugerstenprämie" zum Ausgleich des höheren Marktwarenrisikos. Ungeachtet dieser Entwicklungen entscheiden kurzfristig  aber immer noch die "harten Fakten", wie Marktpreise, Preisdifferenzen zu anderen Marktfrüchten sowie Produktionskosten und daraus folgend die Wirtschaftlichkeit über den Anbau von Braugerste oder der sich bietenden Alternativen. Ist bei den Winterungen die Anbauentscheidung schon getroffen, bedingt der Anbau von Silomais und Körnermais, der sich derzeit im Aufwind befindet, sowie Körnererbsen die Verwertung im eigenen Betrieb oder die Vermarktung durch Abnahmeverträge, etwa mit einer Biogasanlage, Futtermittelwerken oder Handelshäusern.

Bezogen auf die Hauptkonkurrenten Winterweizen oder Futtergerste stellt sich die Situation auf der Basis der aktuellen Preisgebote nach der Tabelle 4 für die Braugerste gar nicht so ungünstig dar.

Tabelle 4 
DB-Rechnung 
  Winter-weizen  Winterfutter-gerste Sommer-braugerste        (25 % FG) 
Ertrag dt/ha                        Ø 5 Jahre  69,9 59,4 51,8
Gebote Januar 2013              für Ernte 2013 €uro/dt 195,0 180,0 215,00
Marktleistung €uro/ha  1.363 1.069 1.068
VK €uro/ha                        1.064 890 805
DB  €uro/ha  299 179 263
Quelle: StaLa Bad Ems als Basis
             Markt- u. Preisberichterstattung LWK RLP 

Zudem sollte nicht vergessen werden, dass es auch bei den Konkurrenzkulturen zur Braugerste Anbau-, Qualitäts- und Vermarktungsrisiken sowie unter Umständen Probleme mit der Qualitätsbestimmung und den Abrechnungsmodalitäten geben kann. Professionell ausgerichtet kann daher auch der Braugerstenanbau für den Einzelbetrieb durchaus interessant sein. Schwierig ist zum jetzigen Zeitpunkt allerdings die Entscheidung über eine Vermarktungsstrategie. Die derzeitige recht gute Versorgung des europäischen Marktes mit Braugerste lässt, obschon braufähige Ware immer noch in den Futtertrog wandert, einen kurzfristigen Anstieg der Preise nicht erwarten. Ob die Probleme mit niedrigen Eiweißgehalten und Gushing einzelner Partien, die gute Auslastung der Mälzereien, der zweifelslos noch bestehende Bedarf der Brauwirtschaft und sehr gute Exportchancen mittelfristig zu einer positiven Veränderung der Situation führen, ist ungewiss.

Nach der Veröffentlichung des Statistischen Bundesamtes über die Herbstaussaatflächen 2012 zur Ernte 2013 sind auch keine wesentlichen positiven oder negativen Impulse für die Getreidepreise allgemein und die "Braugerstenprämie" im Besonderen zu erwarten. Die Meldung weist zwar für Deutschland eine Ausdehnung der Wintergetreidefläche um 8 Prozent und der Winterrapsfläche um 10 Prozent aus, die aber im Wesentlichen der durch Auswinterung von Wintergerste, Winterweizen und Winterraps geringeren Flächen in 2012 geschuldet ist. Bezogen auf die ursprünglich für 2012 prognostizierte Fläche bedeuten die Prognosen für 2013 sogar einen Rückgang von knapp 2 Prozent bei Wintergetreide. Die Ausdehnung der Rapsanbauflächen von 8 Prozent macht dies nicht wett. Ungeachtet dieser Parameter kann der in der 3. Woche veröffentlichte USDA-Bericht  mit Prognosen über die Getreide-, Mais-, und Sojaernte allerdings durchaus noch zu Veränderungen führen. Dies sollte dann auch die Basis für die Gespräche mit den Marktpartnern sein.

Manfred Schnorbach, Landwirtschaftskammer Rheinland-Pfalz

Kammerpräsident

© DBT/Simone M. Neumann

Ökonomierat Norbert Schindler

Pressekontakt

Heiko Schmitt
Tel.: 0671 793-1177
Email: heiko.schmitt(at)lwk-rlp.de 

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